WK | Überlegungen zur Struktur der Zeit (1993)

Überlegungen zur Struktur der Zeit in manisch-depressiven Zuständen
von Wolfgang Kaempfer
In: Wahnwelten im Zusammenstoß. Die Psychose im Spiegel der Zeit, Berlin 1993

 

Es liegt nahe, zeitliche Parameter einzuführen, wenn zu den Symptomen einer manifesten psychischen Erkrankung – in diesem Fall der endogenen Depression – eine Erfahrung wie der Zeitstillstand gehört. So sah z.B. Binswanger im Zentralbegriff der Husserlschen Phänomenologie, in der Intentionalität, die in das Bewußtsein ja gewissermaßen einen zeitlichen Faktor einführt, das geeignete Instrument, um den widersprüchlichen Formenkreis von Manie und Depression zu beschreiben. Der »intentionale Aufbau der Konstituierung des Ego«, so meinte er, sei gebunden an die Fähigkeit zur retentio (Erinnerung, Gedächtnis), zur protentio (Vorwegnahme) und zur appraesentatio (Vergegenständlichung von Welt und Mitwelt zum Unterschied von bloßer Gegenwärtigkeit[1]). Es sind dieselben klassischen drei Zeit-Dimensionen, die Heidegger zum Konzept einer immanenten Zeitlichkeit/Geschichtlichkeit des »Existierens« führen sollten.

Wie wir sehen, würde sich die dergestalt begriffene Zeit prinzipiell auf alle Prozeßformen anwenden lassen müssen. Neu ist allein ihre Einführung in die »Bewußtseinsprozesse«, die seit Augustinus immer wieder mit Erfolg hatte abgewendet werden können. Das neuzeitliche Bewußtsein ist ein schlechterdings räumliches Projekt. Zwar bekannte sich schon Kant zur Zeit als einer »Anschauungsform«, zog aber keine weiterreichenden Schlüsse daraus. Erst die Phänomenologie mit Brentano und Husserl stürzte das »räumliche« Konzept des selbstmächtigen Bewußtseins galileisch-cartesianischer Provenienz um, und seither interessiert man sich für den Einfluß eben jenes Veränderungskoeffizienten, den wir Zeit nennen, auch auf die Prozesse des Bewußtseins.[2]

Jedoch die Zeit ist nicht allein ein meßbarer Veränderungskoeffizient, der die »Geschichte« der Systeme, einschließlich der materiellen Systeme, regelt, sie ist zugleich ein Stabilisierungsfaktor der Systeme, sie durchkreist sie gleichsam, sie bildet regelmäßige, wiederkehrende Zeit-Kreise, und mit diesen Kreisen, Rhythmen, Schwingungen sorgt sie für die Erhaltung der Systeme. Die Struktur der Zeit, oder wie wir besser sagen sollten: das Zeit-Getriebe, setzt sich also je schon aus zwei Bewegungsrichtungen zusammen, deren eine die Systeme verändert, d.h. sie einer Geschichte unterwirft, und deren andere die Systeme, indem sie regelmäßig »wiederkehrt«, stabilisiert, restituiert, erhält. Während die Geschichtszeit nicht wiederkehren kann, muß die Umsatz-, die »Verkehrszeit«, wie ich sie genannt habe, wiederkehren, weil sich anders die Systeme nicht erhalten/selbst erhalten könnten.[3]

Es ist nun ein bemerkenswerter Umstand, daß sich diese doppelte »Intentionalität« (Richtung) der Zeit auf der Ebene menschlicher Erfahrung nirgends so gut beobachten läßt wie an den beiden komplementären Störungen, die uns unter den Namen von Manie und Depression geläufig sind. Der Melancholiker, so erfahren wir – so berichtete z.B. v. Gebsattel –, erlebe einen Zeitstillstand, seine Geschichtszeit sei blockiert, er empfinde sich als leblos, interesselos, intentionslos, »tot«, ja manchmal – so beobachtete z.B. Tellenbach – gehe diese Erfahrung mit manifesten körperlichen Wahrnehmungen oder Sinnestäuschungen einher, mit Ekelgefühlen, mit Geruchssensationen wie Fäulnis- oder Verwesungsgerüchen.[4] Ein beliebiges, wenn auch oft gravierendes Ereignis, ein Unglücksfall, eine Verfehlung, ein Verlust, ein Trauma halte den Kranken wider seinen Willen in der Vergangenheit fest. Sonderbarerweise aber sei dies Ereignis nicht in allen Fällen ausschlaggebend. Wenn es z.B. seine traumatisierende Wirkung verliere, wenn ein Verlust wieder wettgemacht werden könne, komme es vor, daß ein anderes Ereignis an seine Stelle trete – und die depressive Verstimmung mit unverminderter Stärke aufrechterhalte.

Primär ist offenbar nicht das manifeste, faßbare »Ereignis« – sozusagen der Inhalt der Verstimmung –, sondern die ihm zugrundeliegende, auch durch die Aufhebung seiner traumatisierenden Wirkung nicht aus der Welt zu schaffende Erfahrung eines immanenten Zeitstillstands, einer Blockade der Geschichtszeit selber also. Es ist, als gehe es um diese Blockade selbst, als solle die Unwiederbringlichkeit, die Irreversibilität der Zeit »bewiesen« werden. Buchstäblich wird sie »angehalten«, sie wird »reteniert« und deponiert als unwiderrufliche Vergangenheit, die folglich nicht nur von der unmittelbaren Gegenwart, sondern auch von der Zukunft abgeschnitten ist. Nicht nur mangelt es an der appraesentatio, am Vermögen, sich Welt und Mitwelt, Ego und Alter ego zu vergegenständlichen, auch die Zukunft wird noch an die Vergangenheit gebunden und aus ihr »entworfen«, auch alle »Möglichkeiten« also, die sie etwa noch anbieten könnte. Sie erhelten regelmäßig die typische konjunktivische Form von »Wenn ich doch …«, »Hätte ich doch damals …«, sind also ihrerseits nicht eigentlich mehr Möglichkeiten, sondern verpaßte Möglichkeiten.

Handgreiflich hält der Depressive die Vergangenheit für sehr viel realer als Zukunft oder Gegenwart. Beharrlich klammert er sich ans factum brutum ihrer immanenten Unwiederbringlichkeit, Unumkehrbarkeit, sie ist für ihn schlechterdings verloren, und in eben diesem Verlust besteht sein Gewinn. Was der normale Mensch relativieren, kompensieren oder woran er sich wohl auch schlicht vorbeidrücken kann: daß ein einmal abgelaufenes Stück Geschichte notwendigerweise auch verloren ist, das erfährt der Depressive als eine unumstößliche Gewißheit (Wahrheit).

Gleichsam hat der Melancholiker die Geschichtszeit ontologisiert. Er erlebt sie als ein Seins-Verhältnis, und so ist es schlechterdings unmöglich, ihn etwa von der Gegenstandslosigkeit des Ereignisses zu überzeugen, das er dafür verantwortlich macht. Dieses Ereignis ist notwendigerweise sekundär, es ist eine Ersatzbildung, eine Rationalisierung seiner Grunderfahrung, daß er stehengeblieben (steckengeblieben) ist. Ähnlich wie der K. im Prozeß-Roman Franz Kafkas ist er von seiner Vergangenheit gewissermaßen verhaftet worden, und der Verhaftungsgrund, den er dafür angibt, ist beliebig, d.h. es gibt in Wahrheit keinen Grund. Ontologische Gewißheiten bedürfen nicht ihrerseits der Gründe, sie nehmen die Stelle von Axiomen ein, und in der Tat: was könnte evidenter sein, als daß jegliche Vergangenheit unwiederbringlich ist? Alle Versuche der Durchschnittsmenschen eine Vergangenheit, die sie als positiv, als Glück erfahren haben mögen, wiederzubeleben, müssen scheitern oder sind zur Parodie, zum Kitsch verurteilt.

Das allein wäre nun freilich noch kein Grund, Gegenwart und Zukunft zugunsten der Vergangenheit systematisch zu entwerten, Veränderungen nicht mehr zuzulassen oder sie sich als bloßen Schein, als irrelevant, als sinnlos auszulegen.

Die absolute Dominanz der retentio über die protentio hat das normale Fortschreiten aus der Vergangenheit in die Zukunft über das Gelenk der Gegenwart blockiert. Die spezifischen Charaktere der Geschichtszeit: Unumkehrbarkeit, Unwiederholbarkeit, Irreversibilität sind gleichsam festgeschrieben worden und nehmen den ganzen Raum der Zeit ein. Sie sind zur Zeitlichkeit schlechthin geronnen, und man mag hier darüber rätseln, ob der Heideggersche Begriff der Zeitlichkeit, der ja das Fundament seiner Existenzialontologie bildet, nicht seinerseits so etwas wie eine »Ontologisierung« der drei Zeit-Dimensionen darstellt. Jedenfalls hebt er sie sehr viel entschiedener als Husserl ab von ihren ontisch-zeitgeschichtlichen Bedingungen, von der schlichten Erlebniszeit Bergsonscher Provenienz zum Beispiel.

Es ist wohl Binswangers Verdienst, die beiden kompensatorischen Zeit-Erfahrungen von Melancholie und Manie auf ein für beide geltendes »Versagen der Konstituierung der temporalen Struktur des Ego« aufgefaßt zu haben – mithilfe der genannten Husserlschen Kategorien von retentio, protentio und appraesentatio. Das erleichtert uns die Mühe, auch das manische »Versagen« als ein Versagen eben jenes Zeit-Getriebes zu verstehen, das im Normalfall die geschichtliche und die zyklische Bewegungsrichtung – Geschichtszeit und Verkehrszeit, ti und tr – so wird synchronisieren können, daß weder der Veränderungs- noch der Stabilisierungskoeffizient der Zeit ausscheren kann.

Gleich dem sprichwörtlichen Pfeil des Xenon scheint zwar auch der Manische stillzustehen; wie dieser Pfeil bewegt er sich von Punkt zu Punkt, von einem Einfall, von einer Marotte, von einem Attraktionszentrum zum andern, um ein Weilchen darum zu kreisen, sich wieder ablenken zu lassen, ein neues Phantasma ins Auge zu fassen, ohne daß sich eine Linie zwischen diesen Punkten – die Linie der Geschichtszeit – ausmachen ließe. Gleichsam ist er von einer Punkt-Wolke umgeben, und wie wir wissen, kann es höchst gefährlich sein, ihn bei seinem ruhelosen Hüpfen von Punkt zu Punkt zu stören. Er kann dann sehr ausfallend, sehr ärgerlich werden bis hin zum manifesten narzißtischen Wutausbruch. Wo der Melancholiker sich im »Sein« seiner Vergangenheit verschanzt hat wie in einer Festung, wo er seine Geschichtszeit sistiert, seine Gegenwart entleert, seine Zukunft vermauert hat, da hat der Manische die Umsatz-, die Verkehrszeit, die ihm die Erhaltung/Selbsterhaltung sichern müßte mit den wiederkehrenden Strecken (Rhythmen) der Termine, der Stunden oder Tage, zur Punkt-Wolke verflüchtigt. Sie ist für ihn zum »Jederzeit«, zur radikalen Disponibilität von Zeit geworden. Ähnlich wie sich der Beweggrund des Depressiven in den benennbaren Motiven nicht erschöpft, die er für sein Leiden angibt, so erschöpft sich der Beweggrund des Manischen nicht in den partikularen und zufälligen »Interessen«, zwischen denen er umherirrt. Seine wechselnden Interessen sind in Wahrheit nur die bunten Larven seines Selbstinteresses. Er selbst ist es, der sich in den zerstreuten Punkten der Punkt-Wolke zu begegnen, zu erleben hofft. Die Immanenz und Permanenz seines »ego« kann sich nur noch über das Je und Je der Augenblicke konstituieren, die ihn an seine punktförmigen Interessen heften. Buchstäblich muß er sich an sie anklammern, wenn er nicht den Selbst-Verlust riskieren will. Die Zeit seiner Erhaltung/Selbsterhaltung (Konstituierung) folgt nicht mehr den festen Rhythmen oder Intervallen der Stunden oder Tage, sie ähnelt vielmehr einem rhythmuslosen Flimmern, das an einen gestörten Herzrhythmus – an das Herzflimmern – erinnert. So wie sich der Depressive, indem er seine Geschichtszeit »ontologisierte«, von seiner realen Geschichte abgeschnitten hat, so hat sich der Manische, indem er die Zeit seiner Erhaltung/Selbsterhaltung (die Umsatz-, die Verkehrszeit) radikalisierte, von den normalen Chancen seiner Selbsterhaltung (Selbstkonstituierung) abgeschnitten. Was dort die Nicht-Wiederkehr der Zeit schlechthin, das ist hier die Fluktuation, die Raserei der Zeit schlechthin. In beiden Fällen hat einer der beiden Zeit-Vektoren die Alleinherrschaft angetreten – und ist eben damit dysfunktionell geworden –: im Falle des Depressiven der irreversible Vektor, der die Geschichtszeit regelt, im Falle des Manischen der reversible Vektor, der die Zeit der Erhaltung/Selbsterhaltung (des »psychischen Stoffwechsels«) regelt.

Geht man nun davon aus, daß beide Zeit-Vektoren normalerweise miteinander synchronisiert sind, daß wir uns stets zugleich in Richtung unserer Veränderung/Geschichte und in den Rhythmen unserer Erhaltungs-, Selbsterhaltungsstrategien bewegen – von den biologischen Rhythmen des Herzschlags oder Atems bis hin zu den Ritualen des täglichen Zusammenlebens –, so müßte sich für beide Erkrankungen so etwas wie ein Bruch des naturwüchsigen Zeit-Getriebes annehmen lassen. Das würde es u.a. auch erklären, warum das manische und das depressive Versagen einander ablösen können mit mehr oder weniger langen Phasen, die im Extremfall bekanntlich nahezu zusammenfallen können. Manie und Depression lassen in der Tat nur die beiden Vektoren eines Getriebes erkennen, die im Normalfall synchronisiert sind: Die Geschichtszeit hat sich von der Verkehrszeit abgekoppelt, und so steht sie, während die Verkehrszeit rast. Die bekannten Unruhezustände des Melancholikers, die sich bis zu chronischen Schlafstörungen auswachsen können, sind in diesem Rahmen offenbar nichts anderes als die Anzeige jener inneren Uhr, die der entfesselten Verkehrszeit folgt, und die Unfähigkeit des Manischen, die Punkt-Wolke seiner Erfahrungen in eine Linie einzubringen, die sich mit irgendeiner Linie seiner inneren Intentionen koordinieren lassen könnte, offenbar nur Ausdruck dafür, daß er sich an gar keiner Linie mehr entlangbewegt und daß seine Geschichtszeit folglich steht.

Mit anderen Worten: der Depressive hat seine Geschichtszeit festgeschrieben in einer nicht mehr entwicklungsfähigen Vergangenheit, der Manische weiß sich exzellent zu unterhalten, aber er weiß sich nicht mehr zu erhalten. Der Depressive ermangelt daher einer verifizierbaren Geschichte, der Manische einer erkennbaren Zeit-Einteilung, einem erkennbaren Programm, das ihm sein Überleben sichern könnte. In beiden Fällen wäre davon auszugehen, daß das naturwüchsige Zeit-Getriebe, welches uns normalerweise stets in beide Bewegungsrichtungen der Zeit zugleich verweist, dysfunktionell geworden, daß es gestört, desynchronisiert ist. Die Frage einer Anamnese des manisch-depressiven Geschehens würde sich also verschieben auf die Frage, wie es zum Bruch des naturwüchsigen ZeitGetriebes kommen konnte. Der Kranke ist nicht mehr geschichtsfähig (entwicklungsfähig), er weiß sich nicht mehr zu erhalten, und da sich Geschichte sowohl als die Taktiken der Selbsterhaltung notwendig nicht denken lassen ohne konkreten gesellschaftlichen Kontext, dürften die Ursachen für sein Versagen stets mehr in seiner Umgebung als in ihm selbst zu suchen sein.

Ich will es bei diesen recht vorläufigen Überlegungen bewenden lassen und lieber noch einen Blick auf die allgemeineren Bedingungen werfen, unter denen es zur Störung oder zum Ausfall der normalen Zeit-Erfahrung kommen kann. Es ist ja offensichtlich – und ist u.a. von Tellenbach hervorgehoben worden –, daß mindestens das Syndrom der Melancholie nicht eindeutig zu den Krankheitsbildern gerechnet werden kann, die mit einem Versagen des Betroffenen einhergehen. Die Melancholie ist ein höchst verallgemeinerbares, keineswegs nur klinisch manifestes Leiden. Unter den »normalen« vier Temperamenten der griechischen Antike findet sich bekanntlich auch ein melancholisches. Geschichtlich lassen sich deutlich gewisse Schübe ausmachen, die das Leiden begünstigten, so z.B. die Jahrhunderte seit der Renaissance des neuzeitlichen Europa. Es ist das ja die Zeit der sogenannten Kopernikanischen Wende, die man nicht ganz zu Unrecht mit einer zweiten Vertreibung des Menschen aus dem Paradies verglichen hat. Der rote, besser gesagt: der schwarze Faden des Melancholie-Syndroms reicht von der Malerei der Bosch, Brueghel, Dürer bis hin zu Piranesi im Italien, Goya im Spanien, Hogarth im England des 18. Jahrhunderts. In der Literatur ließe sich eine parallele Linie von Dante, Petrarca über den englischen Elisabethanismus (John Donne, Shakespeare, Marlowe) bis zur beginnenden Moderne ausziehen mit Namen wie Laclos, Sade, Lautréamont, Jean Paul, E.T.A.Hoffmann, Klingemann, Büchner, Kirkegaard, von dem das lapidare Wort stammt: »Die Zeit steht still und ich mit ihr.« Die Reihe ließe sich lückenlos fortsetzen bis in die Gegenwart hinein (Jean Genet, Beckett, Cioran, Thomas Bernhard).

Dem massiven, sei es wie immer esoterischen Melancholie-Syndrom steht nun aber eindeutig genug ein Erfahrungskomplex gegenüber, der nicht – wie die Melancholie – auf die Vergangenheit abhebt und ihren drohenden oder schon eingetretenen Verlust beklagt, sondern der umgekehrt die Zukunft, den »Fortschritt«, die »Aufklärung« betreibt, begünstigt und begrüßt. Er fällt ungefähr in dieselben Jahrhunderte und hat bekanntlich – allerdings meist implizite und wider sein eigenes Verständnis – eine Zeitform favorisiert, die gemäß der Zeit von Newton, Galilei, Laplace als rückläufig, als reproduzierbar, als wiederkehrend aufgefaßt werden konnte. Das ist natürlich die Zeit des neuzeitlichen Verkehrs auf dem werdenden Weltmarkt der Güter, der Ideen, der grenzüberschreitenden neuen Naturwissenschaften. Daß der Fortschritt, der seine Singularisierung erst durch Pascal erfahren hatte – le progrès statt les progrès – sich selbst als eminent geschichtlich, als Linie einer erkennbaren Entwicklung aufgefaßt hatte, die mit der Mündigkeit des Menschen enden sollte, mag man als Widerspruch empfinden, der sich allerdings wohl auflöst, wenn wir uns fragen, wohin er in der Tat geführt hat. Walter Benjamin sollte die Zeit des sogenannten Fortschritts am Ende gar als leer denunzieren und die Sensation der Raserei, in die er schließlich münden sollte, mit der Wirkung eines Rauschgifts vergleichen.[5] Auch ist die »Dialektik der Aufklärung« kaum viel jünger als die Aufklärung selbst, und schon bei Friedrich Schlegel, ja implizite schon bei Kant erhebt sich die Frage, ob man nicht zum alten Plural – les progrès – wieder zurückkehren sollte, da sich von der summa eines Fortschritts, die den Singular gerechtfertigt hätte, offensichtlich gar nicht sprechen ließ.

Erinnern wir uns hier der euphorischen Grundstimmung, die für alle Aufklärungs- und Fortschrittshoffnungen notorisch war und ist und die so leicht in Ärger, wo nicht in die spezifisch narzißtische Wut umschlagen kann, wenn sie sich gestört oder in Gefahr sieht, durch handfeste Befunde widerlegt zu werden. Eine Parallelisierung mit der Hochstimmung, in der sich der Manische bewegt – sie ist ja oft nicht weniger fragil – wäre zumindest nicht ganz abwegig. Vielleicht ließen sich sogar die punktförmig-hüpfenden Obsessionen der Manie vergleichen mit den zerstreuten wechselnden Interessen und Bedürfnissen des modernen flaneurs oder consommateurs auf dem modernen Weltmarkt. Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, so melden fast alle Beobachter – Goethe war einer der ersten – wird eine zunehmende Beschleunigung der Zeit konstatiert, und man geht kaum fehl in der Annahme, darin eine Beschleunigung der Verkehrszeit – dank der »Facilitäten des Verkehrs«, wie Goethe sich ausdrückt – zu erkennen. Koselleck spricht gar von einer »Grunderfahrung der Bewegung«, die so »noch nie gemacht« worden sei, und auch darin ist wohl das movens wiederzuerkennen, das den Manischen antreibt.[6] Überflüssig, hier daran zu erinnern, daß sich die Verkehrszeit, die planetarische Kommunikation, inzwischen auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt hat, die Virilio mit der Entdeckung und dem Einsatz der Elektrizität, etwa beim Telegraf, gar schon mit dem Beginn unseres Jahrhunderts für erreicht hält.

Würde man nun beide Syndrome nebeneinander halten, würde man wie der Psychotiker buchstäblich nehmen, was dort das melancholisch-konservative, hier das manisch-fortschrittsgläubige Verhalten indiziert, so müßte sich daraus schließen lassen, daß das naturwüchsige »Getriebe« aus Geschichtszeit und Verkehrszeit, aus einem Veränderungs- und einem Erhaltungskoeffizienten auch auf soziologischer Ebene dysfunktionell geworden sei mit dem Ergebnis, daß der eine Vektor in eine Stase eingetreten, der andere entfesselt sei und die Gefahr heraufbeschwöre, in der Folge zu einer Art von Implosion zu führen. Das aber würde bedeuten, daß wir in der Tat mit zwei »Wahnwelten« rechnen müssen, deren eine sich mit dem Verlust einer erkennbaren Geschichte stillschweigend abgefunden hat durch Rückzug in die Krankheit und deren andere von der Illusion zu leben scheint, den Verlust durch blindes Weitermachen immer wieder wettzumachen, statt sich auf die Erfahrung einzulassen – und sie mit der eigenen zu parallelisieren –, die innerhalb der Klinikmauern gemacht zu werden pflegt.

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Anmerkungen

[1] L. Binswanger, Melancholie und Manie. Phänomenologische Studien, Pfullingen 1960, S. 25 ff.

[2] Vgl. Jacques Derrida, Grammatologie, Frankfurt/Main 1983; sowie: M. Frank, Was ist Neostrukturalismus?, Frankfurt/Main 1983.

[3] W. Kaempfer, Die Zeit und die Uhren, Frankfurt/Main 1991.

[4] H. Tellenbach, Melancholie, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1961; H. Tellenbach, Geschmack und Atmosphäre, Salzburg 1968.

[5] W. Benjamin, »XIII. Geschichtsphilosophische These«, in: ders., Gesammelte Werke Bd. VIl, Frankfurt/Main 1983.

[6] R. Koselleck, Vergangene Zukunft, Frankfurt/Main 1979.

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