WK | Zivilisation (2001)

Zivilisation
von Wolfgang Kaempfer

Fast vergessen ist heute die alte Kontroverse über Kultur und Zivilisation, die Thomas Mann in den frühen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts mit seinem Bruder Heinrich ausfocht. Sie gewann weit über diesen Streit hinaus Bedeutung, lud zu den unterschiedlichsten Parteinahmen ein und stachelte zu immer wieder neuen Varianten einer Differenzierung an, die sich – zumindest ihrer etymologischen Herkunft nach – streng genommen nur für den deutschen Sprachraum treffen läßt. Allenfalls verraten gewisse Adjektivformen, etwa „cultivé“ im Französischen oder „colto“ im Italienischen, daß der Unterschied auch den lateinischen Sprachen nicht ganz fremd ist. „Civilisé“ bedeutet natürlich nicht dasselbe wie „cultivé“, und „molto colto“ kann im Italienischen einen Bildungsgrad bezeichnen, der alle „Zivilität“ weit hinter sich läßt.

Einen Unterschied haben die beiden gesellschaftlichen Standards, so scheint es, allerdings gemeinsam: den zur Barbarei. Aber dieses alte Deckwort für alles, was den antiken Griechen als fremd galt, als „nicht-griechisch“, ist, obgleich aus demselben Grunde hochaktuell geblieben, in Wahrheit selbst Bestandteil, Element, Ingrediens von „Zivilität“ und/oder „Kultiviertheit“. In dieser Beziehung fällt die alte Definition des Unterschieds von „Zivilisation“ und „Kultur“, die einst Thomas Mann geliefert hatte, hinter den Erfahrungsstandard zurück, über den wir heute, ausgangs des 20. Jahrhunderts, verfügen. Mann betrachtete Zivilisation und Kultur als „Gegensätze“, als „eine der vielfältigen Erscheinungsformen des ewigen Weltgesetzes und Widerspieles von Geist und Natur“. Daher konnte er nur der Kultur, nicht der Zivilisation zuschreiben, was wir bis heute „Barbarei“ zu nennen gewöhnt sind. Kultur sei, schreibt er, „offenbar nicht das Gegenteil von Barbarei“; vielmehr sei sie „oft genug eine stilvolle Wildheit, und zivilisiert waren von allen Völkern des Altertums vielleicht nur die Chinesen“. Die Zivilisation dagegen ist für ihn noch gleichbedeutend mit „Vernunft, Aufklärung, Sänftigung, Sittigung, Skeptizismus, Auflösung, – Geist“. (Gedanken im Kriege, S. 7; in: Polit. Schriften und Reden, Bd. 2, Frankfurt/Main 1968).

Was wäre dann aber dieser Geist? Hatte nicht schon Hegel befürchtet, daß in dem virtuellen Vakuum, welches die Aufklärungsphilosophie hinterlassen hatte, weil sie der Letzbegründungen ermangelte, die „Ungeheuer des Glaubens und Aberglaubens“ entstünden? Die Phänomenologie des Geistes erschien 1806, und 1797/98 stellte Francisco Goya eine ganze (zeichnerische) Serie dieser „Ungeheuerlichkeiten“ zusammen. Man erinnere sich des Blattes, das er schließlich zum Titelblatt der Serie machte. Es zeigt den Kopf eines Schlafenden, den ein Schwarm gespenstischer Nachtfalter umflattert und das die Unterschrift trägt: „El sueno de la razon produce mostruos“ – „Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“.

Ich weiß nicht, ob Hegel von dieser Serie – und von dieser Einsicht – Kenntnis hatte. Jedenfalls hat er sie geteilt. Aber auch was Thomas Mann noch harmlos Geist genannt und mit „Vernunft“, „Aufklärung“, „Sänftigung“, „Sittigung“ usf. assoziiert hat, geht ja auch bei ihm bereits einher mit „Skeptizismus“, „Auflösung“. Wärend die Kulturen „Geschlossenheit, Stil, Form, Haltung, Geschmack“ erkennen lassen, eine gewisse „geistige Organisation der Welt, und sei das alles noch so abenteuerlich, skurril, wild, blutig oder furchtbar“, schreibt er (ebd.), ist die Zivilisation in erster Linie formauflösend.

Es stehen sich in der Tat zwei Ordnungs- bzw. Organisationsformen gegenüber, eine „geschlossene“ und eine „offene“, eine, die durchs Formprinzip geprägt ist, die eine unverwechselbare Physiognomie besitzt und sich auf „Natur“ berufen kann, und eine relativierend-rationale, die keinen nachweisbaren „Stil“ mehr, keine identifizierbare Physiognomie erkennen läßt. Ihr Verhältnis zur Welt und zu den Dingen ist nicht mehr symbolischer, sondern wissenschaftlicher Art. Sie bildet Welt und Dinge nicht mehr ab, um ihnen wahlweise „Bedeutung“ zuzuschreiben, sondern sie mathematisiert, sie kodifiziert sie.
Beide Ordnungs- bzw. Organisationsformen setzten notwendig auch zwei verschiedene Wachstumsformen voraus. Wenn sich die „Ordnung der Kultur“ im wesentlichen auf Natur berufen kann, wenn sie sie auf ihre Weise „fortsetzt“, so ist sie damit einem Wachstumsmodus unterworfen, der zwischen Aszendenz und Deszendenz verläuft, der irreversibel ist, der eine Wachstumskurve bildet, die sich nicht wiederholen (nicht wieder-holen) lassen könnte. Jede Re-Naissance, wo sie nicht ihrerseits – wie die große europäische Renaissance – Wachstumspotentiale freisetzt, wäre daher ausgeschlossen oder bliebe imaginär wie die romantischen Ressurektionsphantasmen. Wogegen die Ordnung der „Vernunft“, der „Aufklärung“, des „Skeptizismus“, der „Auflösung“ usf. ein Wachstum favorisieren müßte,das reversibel und kumulativ verliefe, das durch bloße Addition (bzw. Subtraktion) charakterisiert ist, das summiert, das häuft im Sinne einer Vorratswirtschaft, eines „Schatzes“, eines Kapitals. Im Gegensatz zu den kulturellen Wachstumskurven, die aszendent und deszendent verlaufen, würde dieses Wachstum an keine immanente Grenze mehr und zu keiner Form mehr führen können, mit der es sich vollendet. Es wäre der Tendenz nach grenzenlos und unbeendbar wie das Wirtschaftswachstum, wie das Wachstum des industriellen Produktionsausstoßes oder das Wachstum jenes „Wissensschatzes“ (Nietzsche), der mittlerweile den bescheidenen Namen Information erhalten hat. Bekanntlich läßt er sich seit langem nicht mehr überblicken, so daß wir nicht einmal mehr entscheiden könnten, welche Informationen wir als „relevant“ zu betrachten haben würden.

Der Grund für eine Form des Wachstums, die je nur einen „Zellverband“ berücksichtigt und begünstigt – und die insofern dem Krebswachstum verwandt ist – dürfte zum Teil in der Wissenschaftsförmigkeit der neuzeitlich-modernen Fortschrittsphilosopie zu suchen sein. Die Wissenschaft kann ja je nur häufen, was sie an Einsichten und Entdeckungen beibringt. Schon Hegel hatte davor gewarnt, daß sie auf assertorische Urteile angewiesen ist, die je nur „festlegen“ und „bestimmen“ kann, was ihr an Erfahrungsstoff zufließt. Weil jedoch keine „Festlegung“, keine „Bestimmung“ endgültig sein kann, weil die von Thomas Kuhn namhaft gemachten „wissenschaftlichen Revolutionen“ zu beständigen „Paradigmenwechseln“ zwingen, so daß in letzter Linie, wie z.B. Popper argumentierte, nur die Falsifikationen, nicht die Verifikationen Endgültigkeit beanspruchen können, geht der wissenschaftliche Fortschritt – und damit der „Prozeß der Zivilisation“ selbst (N. Elias) – tendenziell gegen unendlich. Er ist, wie ich andernorts ausgeführt habe, eine Form der Selbstbewegung, die eben deshalb tendenziell unendlich werden konnte, weil sie die Letztbegründung schuldig bleiben kann und muß. Das ist ihr Vorzug und das ist ihr Fluch.

Müßig wäre demzufolge natürlich auch die Wiederaufnahme jener alten Diskussion, die einmal zu den berühmten Plädoyers für oder wider die „Kultur“, für oder wider die „Zivilisation“ eingeladen hatte. Wir können den „Gegensatz“ im besten Falle festhalten und postulieren, wir können nicht mehr hoffen, in ihn „einzugreifen“ durch aktive oder passive Parteinahme. Auch wissen wir inzwischen, daß das Gespenst der Barbarei keineswegs allein die historischen Kulturen, sondern auch die Zivilisationen begleitet hat, die ihnen gefolgt sind. Nach Vico ist die zivilisatorische Barbarei, die er die Zweite Barbarei genannt hat – es ist die Barbarei des mephistophelischen Kalküls, der berechneten Aktionen- sogar noch weit gefährlicher als die naturwüchsige Erste Barbarei. Auch darüber hat uns das ausgehende Jahrhundert ja nachdrücklich und ausgiebig genug belehrt.

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