WK | Das Herakles-Projekt (2007)

Der Name des Helden. Psychoanalyse eines Wiedergängers
Ein unveröffentlichtes Fragment von Wolfgang Kaempfer‘

Ein Freund und Psychiater wendet sich an den Erzähler mit der Bitte, ihm in einem Fall zu assistieren, der seine Kompetenzen überschreitet. Ein Patient ist in die Notaufnahme der Klinik eingeliefert worden, in der er beschäftigt ist … Haar und Bart verwildert, die Brust halb entblößt, von athletischer Statur, ein kaum verständliches Kauderwelsch sprechend: Französisch, Englisch, Deutsch, Griechisch … (es kehrt in der folgenden Dialogskizze allerdings nicht wieder).

Schließlich einigt man sich auf Deutsch … das er nicht minder fließend spricht als alle übrigen Sprachen. Er erzählt, daß er auf der Flucht ist vor einer Tat, die sechzehn Menschen das Leben kostete, bevor er sich selbst umbrachte … eine Behauptung, die er durch sein Erscheinen widerlegt, an der er jedoch festhält. In seiner Person, erklärt er, sei es zu einer Personalunion mit einem Wiedergänger, einem Ahn gekommen … was unter anderem auch die namenlose Angst erkläre, die er mit seiner Tat verbreitet habe.

Als er gefragt wird, wessen Ahn er denn sei … und wer er denn selbst sei, antwortet er prompt: „Der junge Mann, der Todeskandidat, der mit dieser Pistole (er zeigt sie vor) sechzehn Menschen tötete. Ich bin der Siebzehnte. Ich bin der junge Mann …“

„Ah so,“ repliziert der Arzt geduldig. „Und Sie sind zugleich der Ahn…“

„Ja, ein unerwartetes Zusammentreffen. Ich bekam die Pistole eines Tages in die Hand gedrückt … auf einem öffentlichen Schießplatz … es war ein schöner, himmelblauer Frühlingstag. Wir schossen Tontauben. Wir trainierten. Der Polizei-Sportverein Domblick hatte uns den Platz verraten. Pistolen, Gewehre, scharfe Munition, alles war verfügbar. Wir bedienten uns. Wir brachten es zur Meisterschaft.“

„Sie brachten es zum Meisterschützen?“

„Aber ja. Ein Wunder war das allerdings nicht. Ich war’s ja schon als Pfeil-, als Bogenschütze. Schon damals waren alle meine Schüsse tödlich. Ich hatte meine Pfeile vergiftet mit dem Blut der nemäischen Hydra … nachdem wir sie endlich erlegt, die Köpfe abgehackt, die Stümpfe … weil sie beständig nachwuchsen … ausgebrannt hatten. Eine Tages rächte sich die Hydra allerdings an mir … Ich loderte, ich brannte, weil ich das Nessoshemd am Leibe hatte, das mein Weib, Deianeira, mit diesem Blut getränkt hatte. Der Fährmann Nessos, der sich über sie hergemacht hatte, so daß ich ihn hatte töten müssen mit dem Gift meiner Pfeile, hatte ihr sterbend eingeredet, das Blut sei ein Aphrodisiacum, das mich für ewig an sie binden würde. Sie hat die Katastrophe nicht überstanden. Sie hat sich selbst entleibt. Ich dagegen loderte hinauf in den Himmel … in meiner Asche fand sich keine Spur von mir.“

„Der Himmel rettete Sie anscheinend für die Ewigkeit. Die Geschichte kommt mir übrigens bekannt vor. Ich muß Sie schon irgendwo gehört haben.“

„Schwab, Sagen des klassischen Altertums.

„Richtig … da haben Sie das her.“

„Nein, da haben Sie das her.“

„Also gut … lassen wir das auf sich beruhen. Ein bedeutender Schütze waren Sie also von jeher.“

„Ja, wir brachten es auf durchschnittlich drei Treffer bei fünf Schüssen … ein Polizeibeamter normalerweise auf drei bei zehn Schüssen.“

„Alle Achtung. Das hat sich dann ja offenbar bewährt.“

„Absolut. Kein Überlebender. Schon weil jede Hilfe ausblieb oder zu spät kam. Der Feuerwehr- und Polizeieinsatz … ein einziger Skandal. Zum Teil sperrte man die Schüler in die Klassen oder ins Sekretariat ein. Wo die Opfer … meistens Lehrer … dann verbluteten. Desorganisation, Indifferenz, Nachrichtensperre … wäre es nach mir gegangen, ich hätte vermutlich weitergeschossen.“

„Sie haben das Feuer also eingestellt.“

„Ich handelte ja in Trance … in Trance … und war mit einem Schlag erwacht, als er mich bei meinem Namen nannte …“

„Bei Ihrem Namen? Wer denn? Wer nannte Sie bei Ihrem Namen?“

„Der Lehrer. Worauf ich sofort die Maske abnahm und mich in die Abstellkammer sperren ließ … in der ich mir dann den Fangschuß verpaßte.“

„Sagen Sie mal … ist das nicht die Geschichte, die sich vor wenigen Tagen tatsächlich zugetragen … fast genau so zugetragen hat? Aber ist dieser Mörder denn nicht tot? Hat er sich nicht erschossen?“

„Hat er … sagte ich doch gerade.“

„Und Sie … Sie wollen behaupten … aber das ist doch purer Unsinn … Wie ist denn eigentlich Ihr Name?“

„Aber das weiß doch jedes Kind. Das ist der Name, auf den sich alle andern Namen reinem. Das Kind ruft sich zunächst doch selbst bei diesem Namen. Es kann noch nicht unterscheiden zwischen sich und seinem Namen.“

„Also schön … Sie erwachten folglich bei Nennung Ihres Namens.“

„Ja, ich ließ die Knarre sinken wie im Traum, riß die Maske ab, sagte: Na, für heute reicht’s und ließ mich abschieben in die Abstellkammer … für den letzten Schuß.“

„Sie … oder dieser Mörder?“

„Aber ich bin doch dieser Mörder.“

„Und der Name? Tragen Sie denn auch den Namen dieses Mörders?“

„Jeder trägt seinen Namen.“

„Sie meinen, jeder macht sich seinen Reim darauf … jeder will so sein wie er.“

„Grob gesprochen, ja.“

„Dürfte ich nichtsdestoweniger um Ihren Namen bitten?“

„Aber den kennen Sie doch längst.“

„Anspielung auf Schwab?“

„Falls Ihnen sonst nichts weiter dazu einfällt … “

„Ich darf also immerhin festhalten … Sie halten sich für einen Helden.“

„Was, bitte? … Aber wer hält sich denn nicht für einen Helden?“

„Für Sie wäre das also der Normalfall.“

„Absolut … Warum wenden Sir mir übrigens den Rücken zu?“

„Na ja, davon haben Sie wahrscheinlich nie gehört … Psychoanalyse … um den freien Assoziationsstrom nicht zu behindern.“

„Doch, davon habe ich gehört. Äußere ich mich denn nicht frei genug? Übrigens … zu verdrängen hat unsereiner nichts … falls Sie aus diesem Strom irgendwas zu fischen hoffen, von dem ich selbst nichts weiß.“

„Sind Sie sich Ihrer selbst so sicher?“

„Bis zum Überdruß. Ich leide unter der entsetzlichen Klarheit dieses Lichtes … das diesen gewaltigen Schatten wirft … der das Licht allmählich fraß … Ich lebte Jahrhunderte im Schatten, ich hatte mich verloren in der Menge … der Plural hatte den Singular verschlungen. “

„Plural…? Singular…? Den Plural der Menge? Den Singular des Einzelnen?“

 „Ja, stellen Sie sich vor … er rüttelte an meinem Sarg … er rüttelte wieder an meinem Sarg.“

„War Ihnen das denn schon früher mal passiert“

„Nicht vor neuzehnhundertdreizehn oder –zwölf … Einer der ersten Fälle: noch nicht sechzehn Jahre alt … Knecht eines Weinbauern, klug, umgänglich, verschlossen, etwas ängstlich, etwas unruhig … Nach einem langen langen Arbeitstag erschlug er seinen Dienstherrn, als der ihn mit einer bösartigen Bemerkung verletzte, mit der Keule, schlitzte ihm die Kehle auf … zerstückelte anschließend die Familie, zerstückelte eine Magd … bei vollem Bewusstsein … wenigstens behauptete er das … auch noch als ihm die Tränen kamen … Er starb bereits im ersten Jahr der Haft … schrieb einen Abschiedsbrief an seine Eltern, bat sie innig um Verzeihung, erklärte sich aber auch jetzt nicht näher … soll ich Ihnen den Brief zitieren?“

„Um Gotteswillen … nein … Und diese Fälle … diese sonderbaren Fälle … erst nach neunzehnhundertzwölf oder –dreizehn, sagen Sie?“

„Ja, kurz vor dem großen Massenschlachten, vor dem Krieg von neunzehnhundertvierzehn. Eine blutgespeiste Turbine nannte ein Augenzeuge diesen Krieg … und es war jetzt wieder Menschenblut, nicht Ochsenblut. Das alte Opferritual war wiederhergestellt worden.“

„Kann man das so einfach behaupten?“

„Ja, der Mensch war wieder Sklave … nach einem langen langen Training allerdings. Es hatte sich über Jahrhunderte erstreckt. Der Gleichschritt, die einheitliche Kleidung, die Schläge, das Spießrutenlaufen … häufig mit tödlichem Ausgang. Das antike Menschenopfer war ja überwiegend Sklave. Und vergessen Sie die neuen Sklavenheere Englands nicht … die Industriesklaverei … die dann von ganz Europa übernommen wurde.“

„Das ist ja eine komplette historische Lektion … mit der Sie anscheinend auch diese rätselhaften Morde zu erklären hoffen …“

„Aber ich habe sie doch selbst begangen.“

„Richtig, ja … hätte ich fast vergessen … Sie sprachen von einer geheimnisvollen Personalunion …“

„Ja, sie waren alle schuldlos … deshalb konnten sie sich ihre Taten nicht erklären.“

„Der Täter waren Sie?“

„Der Täter war mein Name.“

„Also gut … der Name ist schuld … aber wie stellen Sie sich das vor: einen Namen anzuklagen?“

„Bis heute klagt man die Menschen unter ihrem Namen an.“

„Der Name … der Name … was wäre das denn also?“

„Das Licht, das Licht … des himmlischen Kinds … mit dem es zu sich selbst erwacht. Es sieht sich plötzlich selbst. Der Name ist der Spiegel, in dem es sich erscheint … als Gott, als Riese, Heros, Ungeheuer.“

„Ungeheuer?“

„Noch lange nennt es sich selbst bei diesem Namen. Dieses Lichtlein hatte man dem Robert ausgeblasen, und er sann … er sann … bis ich ihn endlich mit meinem Namen versehen, ein Programm mit ihm erstellen und es sogar durchführen konnte … durchführen bis zu dem berühmten point of no return, als er plötzlich angeredet wurde … angeredet mit seinem Namen, angeredet durch den einzigen Menschen, der noch wusste, daß der Mensch auf seinen Namen … daß er nur auf seinen Namen hört … Auge in Auge standen sie sich gegenüber, und er gab ihn ihm zurück … die weiße Wut erlosch … Ich für meinen Teil hatte ihn schon bei seinen Computerspielen aufgestöbert … die übrigens auch anzeigen, wie man seine Lehrer abschießt … und mich sofort erinnert an die weiße Wut. Damals hatte ich ja beständig jemand über mir … diesen Schattenkönig, diesen Eurystheus … ein Geschöpf der Hera … wie einige Quellen meine Mutter nennen … andere wieder nennen Alkmene meine Mutter … oder führen Amphytrion als meinen Vater an … Na ja, was mich betrifft, so tippe ich auf Zeus … der ja stolz behauptet hatte, in mir werde ein Athlet heranwachsen, wie ihn der Erdkreis noch nicht gesehen habe.“

Und nach einer langen Pause wiederum mein Freund, der Arzt: „Würden Sie etwas dagegen haben, wenn wir Sie ein Weilchen hier behalten?“

„Unter einer Bedingung …“

„Und die wäre?“

„Wein. Täglich etwas Wein. Ein, zwei Liter. Ich bin nämlich … aber vielleicht wissen Sie das auch aus dem Schwab … entfernt verbandelt mit Oineus …“

„Oineus?“

„Ach, Sie erinnern sich nicht?“

„Ein, zwei Liter?“

„Verdünnt natürlich … wir trinken ihn ja mit Wasser… nicht pur wie die Barbaren.“

„O.K. Sie würden übrigens Gesellschaft haben.“

„Kann ich mir denken … wer denn zum Beispiel?“

„Erst vor einiger Zeit … Mao, Stalin.“

„Um Gotteswillen … “

„Was stört Sie daran?“

„Mediengespenster … Ideologen … ist nicht mein Ressort …“

„Sie suchen sich Ihre Verwandten also aus?“

„Das sind nicht meine Verwandten …“

„Und dieser andere … ist der etwa auch kein … Verwandter?“

„Wen meinen Sie denn jetzt? Etwa dieses Ausrufezeichen?“

„Ausrufezeichen?“

„Ja, alles andere war ja nicht von ihm … Parolen, die er aus dem Müll … nein, die er aus Exkrementen aufgelesen hatte … Wollen Sie mich beleidigen?“

„Ich bitte sehr um Entschuldigung. Ich spreche den Namen übrigens nie aus.“

***

Immer vorausgesetzt, der Leser oder Hörer folgt der Spur, die die allegorische Parabel einschlägt … und lässt sich ein auf das Modell der Psychoanalyse … so muß er mit dem Analytiker schließen, der Patient habe sich unrettbar mit dem antiken Herakles identifiziert … dem er nun sogar noch auf den Wegen folgt, die er im Laufe seiner Karriere durcheilt … so wenn er zum Beispiel beim römischen Lukian bereits als Rhetor figuriert, dessen Kraft in der Kraft der aufklärenden Rede besteht. Das Bild, das der Patient von ihm … und das er damit von sich selbst … entwirft, ist zwar nicht einheitlich, es ist markiert von Widersprüchen, die sich teils aus seiner Genese, teils aus seiner Geschichte erklären, lässt aber wunderbarerweise eine unverwechselbare Physiognomie erkennen. Gattungssubjekt und Zivilisationsheros, Kraftprotz und enthemmter Mörder … eigentümlicherweise fällt das nie ganz auseinander. Das Gattungssubjekt ist in der Perspektive des Patienten gleich Subjekt. Die Gattung kann nicht anders tätig werden als im Einzelnen, als in ihren Individuen.

Die abnormen Taten unseres Helden führten über die Jahrhunderte … von der Antike über die Renaissance bis zur Neuzeit … immer wieder zu Entgleisungen, die monströse Nebenwirkungen … Lateralschäden würde wir heute sagen … mit sich brachten. Offensichtlich ist es diese Exzentrizität, diese Bedenkenlosigkeit, die ihn über die Jahrhunderte begleitet haben. Die „Forschungsphilosophie“ Francis Bacons wird schließlich ein Programm erarbeiten, das noch die aktuellen Entdeckungen und Entwicklungen vorwegzunehmen scheint … die Gentechnologie nicht ausgenommen. Erstaunlich auch, daß sich gewisse archaische Züge des antiken Helden … so zum Beispiel das Phänomen des Amoklaufs … niemals ganz verloren haben. In der Zeit des griechischen Dramas und der griechischen Philosophie … die ganz wie in der Neuzeit eine Parallelentwicklung einleiteten … wird Herakles im Wahn die eigene Frau, seine Kinder, seine Gäste ermorden (im gleichnamigen Drama des Euripides), bevor er entgeistert und entsetzt aus seinem Wahn erwacht. Bis heute behandelt und bearbeitet die Psychoanalyse Phänomene, die die antike Mythologie vorweggenommen hatte … und die damals wie heute einer Lösung harren, die niemals eingetreten ist.

Die Analyse durchläuft alle entscheidenden Stufen und Ebenen der Entwicklung des Heros, die allerdings unterschieden werden müssen. Die Stufen sind geschichtlicher, die Ebenen gesellschaftlicher Natur. Die beiden wichtigsten Stufen in der griechisch-römischen Antike und der europäischen Neuzeit sind vergleichbar und lassen sich zusammenfassen unter den diversen Schüben von Aufklärung und Zivilisation. Sie werden fassbar an der Schwelle, als der antike und der mittelalterlich-christliche religiöse Kanon abgelöst werden von einer philosophisch-rationalen Weltauffassung … und das antike Epos (Ilias, Odyssee) vom antiken Drama (des Aeschylos, Sophokles, Euripides), das mittelalterliche Epos (Gottfrieds von Straßburg, Hartmanns von Aue, Wolframs von Eschenbach) von den Dramen Shakespeares, Calderons de la Barca, Racines’ … eine Entwicklung, die sich verfolgen lässt bis hin zu Klassik und Moderne.

Beide Male wechselt auch die Zeit-Auffassung … in wiederum vergleichbarer Form. Die Zeit des Epos ist noch virtuell die ganze Zeit (was zum Teil damit zusammenhängt, daß der Einzelne noch eingebunden ist in eine Genealogie, die Zeit endet noch nicht mit ihm), die Zeit des Dramas dagegen zerfällt in Zeit-Strecken, die durchlaufen werden müssen bis zur Peripetie, die eine Lösung, eine Entscheidung vorbereitet … die alte, tolerante Widersprüchlichkeit und Komplexität der Gesellschaft zerfällt ins Entweder-Oder, in Schuld und Unschuld, Böse und Gut, rückschrittlich und fortschrittlich, ancien et moderne … Charaktere, die nunmehr „zur Entscheidung drängen“, so daß die Zeit auch knapp werden oder sich hinziehen kann … wie für den Gefesselten Prometheus im Drama des Aeschylos. Man kann nun entweder zu viel oder zu wenig Zeit haben, sich langweilen bis zur Unerträglichkeit oder von ihr gehetzt werden bis zur Unerträglichkeit.

Rationalität verlangt, daß auch die Zeit – ähnlich wie der Raum – gemessen werden kann. Hatte sie sich bis dato, wie etwa mit den altägyptischen Wasseruhren, die bereits Stunden-Genauigkeit erreichten, darauf beschränkt, gewisse wiederkehrende Tagesrhythmen aufzuzeichnen (festzuhalten), so kehrte sich das Verhältnis nun gewissermaßen um … die neue temporale Meßgröße, die nun allmählich eine exorbitante Genauigkeit erreichte, verselbständigte sich, ja sie wurde herrschend. Der durchschnittliche Tageslauf, der Wochen-, Monats- oder Jahreslauf schuf sich nicht mehr die ihm korrespondierenden Uhren und Kalender, die ihn festlegen konnten, vielmehr dirigierten diese Uhren und Kalender nunmehr ihn.       

Zeit ist natürlich immer gesellschaftliche Zeit, und so lässt sich vermuten, daß die basale „Messung“ zunehmend nicht mehr an der Genealogie der Menschen, sondern an der beschränkten Lebenszeit der Individuen abgelesen worden war … was ihre Prekarität, ihre Begrenztheit … oder auch die bedrohliche Überlänge, wenn sie partout nicht mehr vergehen wollte … unermesslich steigern mußte. Das sogenannte Individuum, das antike griechisch-römische nicht ausgenommen, war nicht mehr in alter Weise eingebunden in sein naturwüchsiges Woher und Wohin. „Wir wissen nicht, woher wir kommen und wohin wir gehen,“ notiert bereits der junge Werther in Goethes Jugendroman.

Herakles oder Herkules, der antike Zivilisations-Heros, dessen Schicksale in den Jahrhunderten der Renaissance beharrlich fortgeschrieben worden sind, wird beide Epochen durchlaufen, die antike und die neuzeitliche, und er wird beide Male eine vergleichbare Schwelle passieren, die Schwelle nämlich, an der die mythische Vor-Zeit umschlägt in die Zeit der Zivilisation. Beide Male erwartet ihn ein philosphisch-rationaler – im wesentlichen technologisch motivierter Abstraktionsprozeß, der sich in der Neuzeit nicht nur wiederholen, sondern auch vollenden sollte … bis hin zu der prekären Grenze, an der auch das neuzeitliche Individuum nicht mehr standhält, an der es Gefahr läuft, von den von ihm selbst in Gang gesetzten Abstraktionsprozessen … die zum Beispiel in der Physik seit Newton keinerlei Singularität mehr zulassen … verschlungen zu werden.

Ich kehre noch einmal zurück zum Anfang, als Herakles nach langer Zeit erwacht … mit dem ersten Amoklauf (vor 1914). Es ist die Zeit, als die riesigen Arbeiterarmeen entstehen, die erste Welle des Vermassungsprozesses, der Depersonalisierung und Desozialisierung ausläuft. Er hat allerdings auch in den folgenden Jahrzehnten noch seine Auftritte … in der Figuration der großen Wissenschaftler vom Range der Marie Curie zum Beispiel (die aus Pechblende das radioaktive Element Radium isolierte … und an den Folgen der Strahlungsschäden starb), in der Person Max Plancks oder Albert Einsteins … der die berühmte Formel, die die Äquivalenz von Masse und Energie anzeigt, in einem entscheidenden historischen Augenblick dem Präsidenten Roosevelt anvertraute, weil er fürchtete, Nazideutschland könne den USA in der Entwicklung der Nuklearenergie (und damit der Atombombe) zuvorkommen.

Die Entwicklung wird dann a tempo eingeleitet … und entgleitet den prominenten Forschern, die sich zum Teil energisch distanzieren, mehr und mehr … auch sie wird auf ihre Weise anonym. Robert Oppenheimer, der für sie einsteht, der sie verantwortet, ließ – so wird berichtet – „keinerlei Vorbehalte gegenüber der militärischen Logik“ erkennen (Lettre international, Frühjahr 2006, S. 61). „Heller als tausend Sonnen,“ soll er gesagt haben, als er den ersten Atomversuch in Neu-Mexico beobachtete … eine Metapher, mit der in der (indischen) Bhagavadgita die Macht des Gottes Krishna beschrieben worden ist.

Der Pilot, der die Atombombe schließlich abwirft über Hiroshima, der Major Claude R. Eatherly … in mehrere Aufklärungsflügen unterrichtet er sich anschließend von den angerichteten Zerstörungen … übersteht die Katastrophe nicht. 1947 wird er wegen unangemessenen Verhaltens aus der Air Force entlassen, 1950 mit einer schweren Nervenkrise in ein Militärkrankenhaus eingeliefert … wo man ihn bis 1961 festhält.

Die Katastrophe von Tschernobyl bezeichnet den vorläufigen Endpunkt einer Entwicklung, die dank ihrer verwaltungstechnischen Anonymität beständig aus dem Ruder laufen muß … Verantwortliche lassen sich schlechterdings nicht mehr benennen.

Auch auf die Globalisierungsfolgen wird ein Blick fallen müssen … auf das Zusammenwachsen der Kapitalmärkte … mit den sog. Hedgefonds, in die sogar solide Pensionskassen investieren, obgleich sie nicht kontrolliert werden können … mit den monströsen Fusionierungen der großen Unternehmen, der wachsenden Geldmenge (auf der Suche nach profitablen Anlagen) und den neuen Armenheeren, die sich inzwischen über die ganze Welt erstrecken.

Zu den Globalisierungsfolgen gehören auch die neuen Kriege, die asymmetrischen Kriege … Guerilla, Kleinkriege (beides bedeutet ja dasselbe) werden gegen die großen Mächte angezettelt mit dem Ziel, nicht mehr im alten Sinn zu siegen … also auch zu enden … sondern den Kriegszustand auf Dauer zu stellen, um von ihm zu profitieren (Ausbeutung lokaler Bodenschätze, Direktschaltungen mit der internationalen Wirtschaft).

Asymmetrisch ist auch das Verhältnis der sog. Mittelklassen auf dem Atlas der Nationalwirtschaften. Während sie in den wohlhabenderen Länder allmählich abschmelzen, stabilieren sie sich in den sog. Schwellenländern … wo der Kapitalismus daher Wunder wirken kann. Es sind dieselben Wunder, mit denen er einst Europa und Amerika beglückte … wo man inzwischen weiß, daß sich diese Wunder nicht (wie die asymmetrischen Kriege) auf Dauer stellen lassen. Nicht zuletzt für diese Länder werden jährlich mehr Autos produziert … jährlich mehrere Millionen … die Manager melden Rekordzahlen … während sie die fortschreitende Rationalisierung und Merkantilisierung zwingt, immer mehr Fabriken zu schließen oder zu verlagern …

Die Taten des Zivilisationsheros halten also bis zur Stunde an … mit wachsenden Lateralschäden … durch die er allerdings schon die Antike beeindruckte, die dafür sehr viel sensibler gewesen zu sein scheint. Sie machte sich über die fortgesetzten Entgleisungen des Zivilisationsprozesses noch nichts vor … wie insbesondere die Untersuchungen von Klaus Heinrich zeigen, die Vorlesungen über arbeiten mit Heracles, die er in den siebziger Jahren hielt und die im vergangenen Jahr erschienen sind.

Sie bilden die Basis meiner Herakles-Allegorie. Allerdings verschiebe ich den Akzent ein wenig … in Richtung fortschreitender Anonymisierung der Gesellschaft (Vergesellschaftung nennt man das im Fachjargon) bis zu dem Paradox, daß sich die Ware Arbeitskraft (die doch bereits voraussetzt, daß sich der Mensch, ihr Anhängsel also, versachlichen und depersonalisieren mußte) als Produkt erfährt, das wie die meisten anderen industriellen Güter weggeworfen werden kann. Wie steht es also mit der Entgleisung des sog. Amoklaufs, der ein malaiisches Ritual wiederaufnimmt? Läßt er einen Zusammenhang damit erkennen?

„Ich möchte, daß mich eines Tages alle kennen,“ erklärte Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Erfurt.

[Fortsetzung fehlt]

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