WK | Kapitalismus heute (2002)

 Auf der Suche nach der verlorenen Identität. Kapitalismus heute
von Wolfgang Kaempfer

Nähme man den Anspruch des zoon politikon beim Wort, den der gesellige Mensch einst an sich selbst stellte, so stünde man heute vor einer Frage, die keine eindeutige Antwort mehr zuläßt. Zwei antagonistische Tendenzen scheinen einander wechselseitig auszuschließen, eine desozialisierende, die alle Geselligkeit (Gesellschaftlichkeit) aufzukündigen droht, und eine sozialisierende Tendenz auf der Suche nach der verlorenen Identität. Einerseits nähert sich der Mensch mit Riesenschritten der Weltgesellschaft, die alle tradierten Bindungen relativiert wo nicht auflöst, andererseits zieht er sich zurück in die diversen Nischen identifizierender Nahbeziehungen, die von der lokalen, ethnischen, tribalen oder familiären Identitätssuche bis zur Identifizierung über rivalisierende Gruppen oder Banden reichen. Beide Tendenzen verhalten sich wie Frage und Antwort, sie scheinen einander zu bedingen.

Eine Konfliktlage kündigt sich damit an, deren Fronten ganz anders verlaufen als alle Fronten der Vergangenheit. Teilweise verlaufen diese Fronten mitten durch die historischen Nationen selbst: Die Basken in Spanien oder Frankreich, die Bretonen oder Korsen in Frankreich, die Front zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland, die Liga Nord oder die deutschsprachigen Südtiroler in Italien, die Spaltung der belgischen oder kanadischen Nation in zwei oppositionelle sprachliche Fraktionen.

Auch geopolitische Konsequenzen zeichnen sich bereits ab: die Spaltung der Tschechoslowakei in die Slowakei und Tschechien, der Zerfall Jugoslawiens in einen jahrelangen blutigen Bürgerkrieg, die genozidale Konfrontation der Tutsis und Hutus in Ruanda (das im übrigen ein ausschließlich katholisches Land ist), der drohende Zerfall Indonesiens, das krebsartige Geschwür der terroristisch-islamischen Bewegung in Algerien, die kaum vernarbten Bürgerkriege, die aus dem Ost-West-Konflikt hervorgegangen sind, so insbesondere in Südamerika, wo der sogenannte Kalte Krieg vielfach als heißer Krieg erlebt und empfunden worden ist, als ein veritabler Dritter Weltkrieg, der etwa in El Salvador zwölf Jahre, in Guatemala vierzehn Jahre, in Nicaragua annähernd dreißig Jahre dauerte. In manchen Lateinamerikanischen Ländern sind die Guerillabewegungen bis heute unterwegs, allein in Mexiko zählte man zeitweise drei, darunter die des legendären Vizekommandanten Marcos, der kürzlich den vergeblichen Versuch unternahm, sich mit der Zentralregierung zu verständigen.

Nicht nur das riesige sowjetische Imperium ist nach Beendigung des Ost-West-Konflikts in Auflösung begriffen, auch das chinesische Imperium blieb von Zerfallserscheinungen nicht verschont. Gewisse clanähnlich Gruppierungen scheuen sich nicht mehr, offen die eigenen Interessen zu verteidigen, Regierung und Partei zu attackieren, die Abgabe von Erntegut und Steuern zu verweigern oder sich der staatlich verordneten Geburtenregelung zu widersetzen. (Courrier international 358/1997).

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WK | Zivilisation (2001)

Zivilisation
von Wolfgang Kaempfer

Fast vergessen ist heute die alte Kontroverse über Kultur und Zivilisation, die Thomas Mann in den frühen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts mit seinem Bruder Heinrich ausfocht. Sie gewann weit über diesen Streit hinaus Bedeutung, lud zu den unterschiedlichsten Parteinahmen ein und stachelte zu immer wieder neuen Varianten einer Differenzierung an, die sich – zumindest ihrer etymologischen Herkunft nach – streng genommen nur für den deutschen Sprachraum treffen läßt. Allenfalls verraten gewisse Adjektivformen, etwa „cultivé“ im Französischen oder „colto“ im Italienischen, daß der Unterschied auch den lateinischen Sprachen nicht ganz fremd ist. „Civilisé“ bedeutet natürlich nicht dasselbe wie „cultivé“, und „molto colto“ kann im Italienischen einen Bildungsgrad bezeichnen, der alle „Zivilität“ weit hinter sich läßt.

Einen Unterschied haben die beiden gesellschaftlichen Standards, so scheint es, allerdings gemeinsam: den zur Barbarei. Aber dieses alte Deckwort für alles, was den antiken Griechen als fremd galt, als „nicht-griechisch“, ist, obgleich aus demselben Grunde hochaktuell geblieben, in Wahrheit selbst Bestandteil, Element, Ingrediens von „Zivilität“ und/oder „Kultiviertheit“. In dieser Beziehung fällt die alte Definition des Unterschieds von „Zivilisation“ und „Kultur“, die einst Thomas Mann geliefert hatte, hinter den Erfahrungsstandard zurück, über den wir heute, ausgangs des 20. Jahrhunderts, verfügen. Mann betrachtete Zivilisation und Kultur als „Gegensätze“, als „eine der vielfältigen Erscheinungsformen des ewigen Weltgesetzes und Widerspieles von Geist und Natur“. Daher konnte er nur der Kultur, nicht der Zivilisation zuschreiben, was wir bis heute „Barbarei“ zu nennen gewöhnt sind. Kultur sei, schreibt er, „offenbar nicht das Gegenteil von Barbarei“; vielmehr sei sie „oft genug eine stilvolle Wildheit, und zivilisiert waren von allen Völkern des Altertums vielleicht nur die Chinesen“. Die Zivilisation dagegen ist für ihn noch gleichbedeutend mit „Vernunft, Aufklärung, Sänftigung, Sittigung, Skeptizismus, Auflösung, – Geist“. (Gedanken im Kriege, S. 7; in: Polit. Schriften und Reden, Bd. 2, Frankfurt/Main 1968).

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WK | Überlegungen zur Struktur der Zeit (1993)

Überlegungen zur Struktur der Zeit in manisch-depressiven Zuständen
von Wolfgang Kaempfer
In: Wahnwelten im Zusammenstoß. Die Psychose im Spiegel der Zeit, Berlin 1993

 

Es liegt nahe, zeitliche Parameter einzuführen, wenn zu den Symptomen einer manifesten psychischen Erkrankung – in diesem Fall der endogenen Depression – eine Erfahrung wie der Zeitstillstand gehört. So sah z.B. Binswanger im Zentralbegriff der Husserlschen Phänomenologie, in der Intentionalität, die in das Bewußtsein ja gewissermaßen einen zeitlichen Faktor einführt, das geeignete Instrument, um den widersprüchlichen Formenkreis von Manie und Depression zu beschreiben. Der »intentionale Aufbau der Konstituierung des Ego«, so meinte er, sei gebunden an die Fähigkeit zur retentio (Erinnerung, Gedächtnis), zur protentio (Vorwegnahme) und zur appraesentatio (Vergegenständlichung von Welt und Mitwelt zum Unterschied von bloßer Gegenwärtigkeit[1]). Es sind dieselben klassischen drei Zeit-Dimensionen, die Heidegger zum Konzept einer immanenten Zeitlichkeit/Geschichtlichkeit des »Existierens« führen sollten.

Wie wir sehen, würde sich die dergestalt begriffene Zeit prinzipiell auf alle Prozeßformen anwenden lassen müssen. Neu ist allein ihre Einführung in die »Bewußtseinsprozesse«, die seit Augustinus immer wieder mit Erfolg hatte abgewendet werden können. Das neuzeitliche Bewußtsein ist ein schlechterdings räumliches Projekt. Zwar bekannte sich schon Kant zur Zeit als einer »Anschauungsform«, zog aber keine weiterreichenden Schlüsse daraus. Erst die Phänomenologie mit Brentano und Husserl stürzte das »räumliche« Konzept des selbstmächtigen Bewußtseins galileisch-cartesianischer Provenienz um, und seither interessiert man sich für den Einfluß eben jenes Veränderungskoeffizienten, den wir Zeit nennen, auch auf die Prozesse des Bewußtseins.[2]

Jedoch die Zeit ist nicht allein ein meßbarer Veränderungskoeffizient, der die »Geschichte« der Systeme, einschließlich der materiellen Systeme, regelt, sie ist zugleich ein Stabilisierungsfaktor der Systeme, sie durchkreist sie gleichsam, sie bildet regelmäßige, wiederkehrende Zeit-Kreise, und mit diesen Kreisen, Rhythmen, Schwingungen sorgt sie für die Erhaltung der Systeme. Die Struktur der Zeit, oder wie wir besser sagen sollten: das Zeit-Getriebe, setzt sich also je schon aus zwei Bewegungsrichtungen zusammen, deren eine die Systeme verändert, d.h. sie einer Geschichte unterwirft, und deren andere die Systeme, indem sie regelmäßig »wiederkehrt«, stabilisiert, restituiert, erhält. Während die Geschichtszeit nicht wiederkehren kann, muß die Umsatz-, die »Verkehrszeit«, wie ich sie genannt habe, wiederkehren, weil sich anders die Systeme nicht erhalten/selbst erhalten könnten.[3]

Es ist nun ein bemerkenswerter Umstand, daß sich diese doppelte »Intentionalität« (Richtung) der Zeit auf der Ebene menschlicher Erfahrung nirgends so gut beobachten läßt wie an den beiden komplementären Störungen, die uns unter den Namen von Manie und Depression geläufig sind. Der Melancholiker, so erfahren wir – so berichtete z.B. v. Gebsattel –, erlebe einen Zeitstillstand, seine Geschichtszeit sei blockiert, er empfinde sich als leblos, interesselos, intentionslos, »tot«, ja manchmal – so beobachtete z.B. Tellenbach – gehe diese Erfahrung mit manifesten körperlichen Wahrnehmungen oder Sinnestäuschungen einher, mit Ekelgefühlen, mit Geruchssensationen wie Fäulnis- oder Verwesungsgerüchen.[4] Ein beliebiges, wenn auch oft gravierendes Ereignis, ein Unglücksfall, eine Verfehlung, ein Verlust, ein Trauma halte den Kranken wider seinen Willen in der Vergangenheit fest. Sonderbarerweise aber sei dies Ereignis nicht in allen Fällen ausschlaggebend. Wenn es z.B. seine traumatisierende Wirkung verliere, wenn ein Verlust wieder wettgemacht werden könne, komme es vor, daß ein anderes Ereignis an seine Stelle trete – und die depressive Verstimmung mit unverminderter Stärke aufrechterhalte.

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WK | Die Gartengesellschaft (1958)

Die Gartengesellschaft
ein Hörspiel von Wolfgang Kaempfer
Regie: Oswald Döpke, mit Friedrich Schütter
Radio Bremen, 1958

1. Teil

2. Teil

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