Alle Einträge im Überblick

I. VORBEMERKUNG

Dieses Blog ist dem Werk des Schriftstellers und Theoretikers Wolfgang Kaempfer (1923-2009) gewidmet: Die hier veröffentlichten Texte und Materialien unterliegen dem Gesetz der Angemessenen Verwendung. Es sei betont, dass wir auf Ihre sachgemäßen – weiterführenden oder auch kritischen – Kommentare zu den einzelnen Einträgen gespannt sind und Fragen nach bestem Wissen beantworten werden. – Wenn Sie einen der urheberrechtlich geschützten Texte unseres Autors für eine elektronische oder gedruckte Publikation nutzen möchten, bitte schildern Sie uns Ihre Pläne im Vorfeld (siehe auch: Essaysammlung).

II. INHALTSVERZEICHNIS

1. – ESSAYS

A. als Blog-Einträge

B. als PDF-Dateien

a. in verschiedenen Zeitschriften erschienen:

b. in der Reihe „Historische Anthropologie„, herausgegeben von Dietmar Kamper und Christoph Wulf:

2. MATERIALIEN

A. Tondokumente:

B. Veröffentlichungen:

 

trauer29
Anzeige im Tagesspiegel, am Mittwoch, den 29.5. 2019

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WK | Manchester

Einer der Ursprungsorte der ersten industriellen Revolution ist bekanntlich das Gebiet in und um die Stadt Manchester, und der Zufall wollte es, dass ich auf einigen privaten Reisen Bekanntschaft mit ihm machen konnte. Aber nicht von dieser „Reisebekanntschaft“ selbst sei abschließend hier berichtet, sondern von einem Ausflug, der mich in die ältesten, längst aufgegebenen Industriereviere führte. Auf den üblichen Karten waren sie natürlich nicht verzeichnet, ich konnte sie daher nur finden, weil mir die Namen der einschlägigen Bezirke bekannt waren. Wie überall auf der Welt, wo sich die Industrie von einem umgrenzten Gebiet, einem Arreal verabschiedet hat, das nicht mehr ihr Interesse findet, dessen Ressourcen erschöpft oder dessen Produkte nicht mehr an den Mann zu bringen sind, bildeten sie ausgedehnte Ruinenlandschaften, die mitunter direkt an unbebautes Gebiet, an die „Wildnis“ grenzten.

Ich traf auf so gut wie keinen Menschen. Katzen und hungrige Hunde schlichen umher. Aus einem blechernen Schornstein stieg eine dünne Rauchsäule auf, aus dem halb geöffneten Tor drangen Arbeitsgeräusche. Offenbar hatte sich dort jemand eine marginale Werkstatt eingerichtet. Die zentralen Arbeitshäuser, die Fabriken, die einstigen Sklavenställe, waren von erstaunlichem Ausmaß: fünf- bis siebenstöckig, so viel ich mich erinnere, meist wohlproportioniert, einige noch im klassizistischen Stil erbaut und an Kanäle grenzend, die einst den Transport gesichert hatten und in denen jetzt eine träge, ölig schimmernde Brühe stand. Riesige Fensterhöhlen, die oft über mehrere Stockwerke reichten, die Dächer offenbar seit langem eingestürzt, aber die Skelette, die Baukörper hatten sich erhalten und konnten sich mit den durchschnittlichen „Baudenkmälern“, vor denen wir bewundern stehen, durchaus messen. dass die „Bewunderer“, die Archäologen, die Fremdenführer usw. fehlten, gereichte ihnen in gewisser Weise sogar zum Vorteil. Keine Tabu-Zone, kein Berührungsverbot umgibt sie. Ähnlich den verfallenden Dörfern im Südgürtel Europas verfallen sie ungeschützt und ungehemmt, die Würde des Denkmals mit der Natur, der Grazie des Verfalls verbindend.

Ob mir eine gewisse Frage schon damals oder erst später durch den Sinn ging, lässt sich nicht mehr feststellen, nur die Frage hat sich erhalten, die Frage, was passieren würde, wenn wir die überall herumstehenden Industrieruinen zum Erzählen einladen würden, wie wir es tun mit den sanktionierten Ruinen. Wo diese, eine gewisse, mittlere Prominenz vorausgesetzt, mit Scharen von Historiographen rechnen können, die ihnen ihre Geschichte zu entlocken wissen, so dass sie zu reden anfangen – alle sanktionierten Ruinen sind redende Ruinen – bleiben diese Ruinen im wesentlichen stumm.

Nichtsdestoweniger ist diese Sprachlosigkeit offenbar nicht einseitig die Schuld der (ausgebliebenen) Experten, sondern hat ihren Grund an einer Grenze, die so leicht nicht überschritten werden kann, ohne dass es uns das Wort verschlägt. Der stumme Nekrolog, den wir diesen Ruinen allenfalls entlocken könnten, müßte der Idee nach ja einen Arbeits-Aufwand umfassen – das unermessliche Reservoir der poros, peine vieler Generationen – der erstmals in der menschlichen Geschichte keine nennenswerten Spuren, keine „Schichten“ hinterlassen hatte, denen sich noch eine „Physiognomie“ zusprechen lassen könnte. Die Schichten der industriellen „Hinterlassenschaft“ sind wesentlich neutral, verwechselbar, anonym, sie bilden nicht viel mehr als Müll. Und ähnlich wie die Dinge selbst schien auch der ungeheure Arbeitsaufwand, der darauf verwendet worden war – der geschichtlich größte Arbeitsaufwand überhaupt – dazu verdammt zu sein, dem Vergessen überantwortet zu werden, sich als vergeblich, als verschwendet, als „unnütz“ einzubekennen. Nicht mehr der natürliche Verfall der produzierten Dinge bildete seine Grenze, vielmehr war er für diesen Verfall – für den Verschleiß, die „Konsumption“ – bereits ins Werk gesetzt worden.

Das heißt natürlich nicht, dass die Historie des („schuftenden“) Industrieproletariats nicht aufgearbeitet worden wäre. Sie füllt bekanntlich ganze Bibliotheken. Aber es erging dieser Geschichte nicht viel anders wie allen übrigen Geschichten, die aus dem geschichtlich-gesellschaftlichen Kontext herauszufallen und eine Art von Unfall, von Verkehrsunfall auf der breiten gangway der Universalgeschichte darzustellen scheinen: sie wurde isoliert, der geschichtlich-gesellschaftlichen Kontinuität, die sie auf eigentümliche Weise unterbrochen hatte, entrissen und verfiel damit derselben Amnesie, wie sie nach einem Schockereignis eintritt.

dass diese Ruinen ihre „Erzählung“ bisher schuldig bleiben mussten, ist in gewissem Sinne vielleicht aber auch ermutigend. Mit Versuchen, wie sie gewisse Romanciers des 19. Jahrhunderts hinterlassen haben – Victor Hugo, Charles Dickens, Emile Zola – wäre ihrer Geschichte heute nicht mehr beizukommen. Sie ist ja bis auf den heutigen Tag nicht abgeschlossen und gehört vielleicht zu den Geschichten, die wir uns überhaupt erst zu erzählen wüßten, wenn wir sie erzählen müssen, weil ein andere Weg der gesellschaftlicher Selbstverständigung nicht mehr übrig bleibt.

Wie mir ein Prospekt verriet, der mir per Zufall in die Hand fiel, ist geplant, in diesen Ruinen demnächst eine Reihe luxuriöser Eigentumswohnungen einzurichten. Sogar die Baupläne liegen bereits vor. Es ist der bekannte Versuch, die Schönheit ehemals peinigender Schaustücke teils zu erhalten, teils mit einer aseptischen Isolierschicht zu überziehen. Aber Vermummung und Mumifizierung lassen sich ja nicht säuberlich trennen, und so besteht zumindest eine – sei es auch geringe – Aussicht, dass auch diese Ruinen eines Tages zu reden anfangen, weil ein noch unbekannter Archäologe ihnen ein „Mundstück“ zugespielt hat.

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aus: Wolfgang Kaempfer, Der stehende Sturm (Berlin 2005, pp. 245-247)

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Wolfgang Kaempfer – Zeittheorie (2008)

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WK | Der stehende Sturm (2005) – Eine Voranzeige des Autors

Wolfgang Kaempfer
Der stehende Sturm
Zur Dynamik gesellschaftlicher Selbstauflösung und kollektiver Regression (1600-2000)
Kadmos, 2005

sturm

Im Rätseljahr 1799 gelangt Napoleon durch Staatsstreich an die Macht (und erobert in einer Folge von blitzartigen Feldzügen fast ganz Europa); schreibt Wilhelm Heinrich Wackenroder die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (und leitet damit die romantische Bewegung ein); verdächtigt Friedrich Heinrich Jacobi in einem offenen Sendschreiben den absoluten Idealismus Fichtes des Nihilismus.

Die „Arbeit des Begriffs“ (Hegel) schien vom Boden abgehoben, die Zeit zum Fluge angesetzt zu haben. Offenbar galt das jetzt nicht mehr allein für denkgeschichtliche, sondern zugleich für realgeschichtliche Prozesse, und so werden sich auch diese allmählich den modernen „Nullsummenspielen“ annähern. Als Napoleon kapitulierte, hatte Frankreichs Staatsgebiet um so gut wie keinen Quadratmeter zugelegt, Land und Leute waren zu Tode erschöpft und brauchten mehrere Generationen, um sich wieder zu erholen.

Die doppelte Orientierung Alteuropas in zwei Richtungen, in eine romantische vergangene und eine progressive künftige, lud nur scheinbar zur Wahl ein. In Wahrheit operierte sie wie Fichte mit abstracta, die sowohl allen Inhalt unter sich „befassen“ als ihn auch wieder „aus sich hervorgehen lassen“ konnte (Jacobi). Die Nomina Vergangenheit und Zukunft entstanden erst auf der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert. Bis heute sitzen die Abgeordneten des französischen Parlaments rechts und links vom Stuhl des Parlamentspräsidenten, bis heute sucht der konservative Flügel Fortschritt und Emanzipation, der progressive Flügel die latente gesellschaftliche Stagnation einzuklagen. Zwei unvereinbare Postulate, beide mit gleicher Stringenz erhoben – mit der Stringenz von „Kategorien“ – sind in einen Regelkreis geraten, in dem sie auf ewig einander jagen, aber nicht erreichen konnten.

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WK | Das Herakles-Projekt (2007)

Der Name des Helden. Psychoanalyse eines Wiedergängers
Ein unveröffentlichtes Fragment von Wolfgang Kaempfer‘

Ein Freund und Psychiater wendet sich an den Erzähler mit der Bitte, ihm in einem Fall zu assistieren, der seine Kompetenzen überschreitet. Ein Patient ist in die Notaufnahme der Klinik eingeliefert worden, in der er beschäftigt ist … Haar und Bart verwildert, die Brust halb entblößt, von athletischer Statur, ein kaum verständliches Kauderwelsch sprechend: Französisch, Englisch, Deutsch, Griechisch … (es kehrt in der folgenden Dialogskizze allerdings nicht wieder).

Schließlich einigt man sich auf Deutsch … das er nicht minder fließend spricht als alle übrigen Sprachen. Er erzählt, daß er auf der Flucht ist vor einer Tat, die sechzehn Menschen das Leben kostete, bevor er sich selbst umbrachte … eine Behauptung, die er durch sein Erscheinen widerlegt, an der er jedoch festhält. In seiner Person, erklärt er, sei es zu einer Personalunion mit einem Wiedergänger, einem Ahn gekommen … was unter anderem auch die namenlose Angst erkläre, die er mit seiner Tat verbreitet habe.

Als er gefragt wird, wessen Ahn er denn sei … und wer er denn selbst sei, antwortet er prompt: „Der junge Mann, der Todeskandidat, der mit dieser Pistole (er zeigt sie vor) sechzehn Menschen tötete. Ich bin der Siebzehnte. Ich bin der junge Mann …“

„Ah so,“ repliziert der Arzt geduldig. „Und Sie sind zugleich der Ahn…“

„Ja, ein unerwartetes Zusammentreffen. Ich bekam die Pistole eines Tages in die Hand gedrückt … auf einem öffentlichen Schießplatz … es war ein schöner, himmelblauer Frühlingstag. Wir schossen Tontauben. Wir trainierten. Der Polizei-Sportverein Domblick hatte uns den Platz verraten. Pistolen, Gewehre, scharfe Munition, alles war verfügbar. Wir bedienten uns. Wir brachten es zur Meisterschaft.“

„Sie brachten es zum Meisterschützen?“

„Aber ja. Ein Wunder war das allerdings nicht. Ich war’s ja schon als Pfeil-, als Bogenschütze. Schon damals waren alle meine Schüsse tödlich. Ich hatte meine Pfeile vergiftet mit dem Blut der nemäischen Hydra … nachdem wir sie endlich erlegt, die Köpfe abgehackt, die Stümpfe … weil sie beständig nachwuchsen … ausgebrannt hatten. Eine Tages rächte sich die Hydra allerdings an mir … Ich loderte, ich brannte, weil ich das Nessoshemd am Leibe hatte, das mein Weib, Deianeira, mit diesem Blut getränkt hatte. Der Fährmann Nessos, der sich über sie hergemacht hatte, so daß ich ihn hatte töten müssen mit dem Gift meiner Pfeile, hatte ihr sterbend eingeredet, das Blut sei ein Aphrodisiacum, das mich für ewig an sie binden würde. Sie hat die Katastrophe nicht überstanden. Sie hat sich selbst entleibt. Ich dagegen loderte hinauf in den Himmel … in meiner Asche fand sich keine Spur von mir.“

„Der Himmel rettete Sie anscheinend für die Ewigkeit. Die Geschichte kommt mir übrigens bekannt vor. Ich muß Sie schon irgendwo gehört haben.“

„Schwab, Sagen des klassischen Altertums.

„Richtig … da haben Sie das her.“

„Nein, da haben Sie das her.“

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WK | Die Geldbeziehung (2004)

Die Geldbeziehung. Zur Geschichte der Temporalherrschaft
von Wolfgang Kaempfer

 

Wir pflegen zwischen Vergangenheit und Zukunft eine scharfe Zäsur anzunehmen und bezeichnen sie als Gegenwart. Das ist eine Täuschung. Die wandernde aleatorische Zäsur ist weder gleich der Gegenwart, noch trennt sie die beiden realen temporalen Dimensionen. Sie unterscheidet lediglich die Kategorien „Vergangenheit” und „Zukunft” voneinander, ohne daß uns das zu Bewusstsein kommt.

Die Täuschung hat allerdings Methode. Sie beruht nämlich auf einer Verstümmelung (Amputation) des realiter Vergangenen und realiter Künftigen zugunsten ihrer abstrakten Kategorisierung (unter den Namen (Nomina) „Vergangenheit” und „Zukunft”). Der wahre Zeitverlauf ähnelt eher einem ausdehnten „Zeitfeld”, wie Edmund Husserl formulierte. Er bildet etwas wie einen komplexen, dreidimensionalen „corpus temporale”, dessen Grenzen fließend sind und sich beständig verschieben, ein Fließgleichgewicht aus „vergangenen” und „künftigen” – oder wie Husserl formulierte: retenierten und protenierten – Partikeln oder Elementen bildend, von denen keines jemals gleich bleibt. Auch das „retenierte Bruchstück”, wenn es ein zweites (oder drittes) Mal wiederauftaucht, ist nicht mehr das gleiche.

Insofern dieses eigenartige Übergangsfeld, dieser „corpus temporale” nun aber höchstwahrscheinlich die Basis, die „Struktur” darstellt, die allen Wachstums- und Alterungsprozessen zugrunde liegt, aller „lebenden Materie”, allen „Lebewesen” (oder auch ihren Vergesellschaftungspraktiken, ihrer sozialgeschichtlichen Entwicklung), müssen sich alle „Eingriffe” in ihre Verlaufsform, ihren fließend-temporalen „Körper” wie chirurgische Schnitte ausnehmen und auswirken, die von einem bestimmten Punkt an, einem „ point of no return, auch tödlich verlaufen können oder müssen.

Wie wir gesehen haben, hatte der sich beständig beschleunigende und verdichtende Verkehr allmählich zu einem eigenen „Zeitregime” führen müssen. Zu den „Programmpunkten” der Aufklärungsphilosophie, die diesen Prozeß begleitete, gehörte nicht zufällig die Forderung, sich von aller Tradition, Vergangenheit, „Geschichte” usw. tunlichst zu befreien. Undurchschaut blieb, daß die „Bewegungsbegriffe”, mit denen sie zumeist operierte, in Wahrheit nicht die Bewegung der Geschichte („Geschichtszeit”), sondern die Bewegung der Verkehrszeit abbildeten bzw. simulierten. Sie standen ja als solche fest. Ähnlich dem „Verkehrsnetz”, das der neuzeitlich-moderne Verkehr erfordert hatte, bildeten sie ein festes Wege- oder Schienennetz.

Was wir unter dem harmlosen Namen „Verkehrszeit” kennen gelernt haben, das war in Wahrheit längst dabei, flächendeckend zu werden. Und berücksichtigen wir nun, daß das neue Zeitregime aus der klassischen Mechanik bezogen worden war – anders hätte es seine moderne Exaktheit und Zuverlässigkeit nicht erreichen können – so erhellt, daß es im Laufe seiner schrittweisen „Befreiung” (Entfesselung) ein eigenes Instrumentarium entwickelt haben mußte für die erforderlichen „Eingriffe” in den heiklen Leib, auf den sich das Leben angewiesen sieht als seine ihm zugrunde liegende „Struktur”. So wie sich die lebenszeitlichen Prozesse einer Art Stromdelta vergleichen lassen würden, das sich beständig ändert, so die verkehrszeitlichen Prozesse einer Art Kanalsystem, dessen wesentliche Bestimmung gerade umgekehrt in der „Festigkeit” (Unveränderlichkeit) besteht.

Der fragile und verletzliche corpus temporalis der lebenszeitlichen Prozesse wurde in eine Art Prokustusbett gezwängt, das seine sukzessive Verstümmelung verlangte. Wir kennen das hierzu erforderliche Instrumentarium bereits. Es sind die eigentümlichen Sonden, die die Zeit zerteilen (zerschneiden) können in drei scheinbar unabhängige Bestandsstücke: „Vergangenheit”, „Zukunft” und die aleatorische Grenze, an der Vergangenheit und Zukunft „zusammenstoßen” können. Dieser „Eingriff” in den „Leib der Zeit” konnte vor allem deshalb unauffällig bleiben, weil er gleichbedeutend (gleichursprünglich) mit dem „Ersatz” der amputierten Glieder – Vergangenes/Künftiges/die lebendige Vermittlung auf dem „Zeitfeld – ablaufen konnte. Dem neuen und neutralen „Zeitleib” war schlechterdings nicht anzusehen, daß er aus Prothesen bestand. Bis heute halten wir die abstrakten Elaborate „Vergangenheit”, „Zukunft”, „Gegenwart” für die realen „Vertreter der Zeit”. Sie sind aber allenfalls die von einem unauffälligen Expertengremium gewählten Vertreter.

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Kaempfer/Kamper | Zeitsturm (2004)

Wolfgang Kaempfer  /  Dietmar Kamper
Zeitsturm
Die mediterranen Zeitgespräche Dietmar Kampers mit Wolfgang Kaempfer
Tectum Verlag, Marburg 2004, 118 Seiten
Herausgegeben von Herbert Neidhöfer & Bernd Ternes

zeitsurm

Erinnerung

Den Titel für die Gespräche, die ich mit Dietmar Kamper im Sommer 1992 führte, habe ich nachträglich formuliert. Er sollte erst heißen Wiederholbarkeit – Unwiederholbarkeit (der Zeit), weil auch diese Gespräche eine „unwiederholbare Wiederholung“, ein Konzentrat der Gespräche zu bilden schienen, die wir in den Sommern zuvor geführt und die zunächst den von Bernd Ternes [weiter unten] erwähnten gemeinsamen Versuch („Die Zeit und die Uhren“) ergeben hatten, uns über die Doppelschlechtigkeit der Zeit, jeder auf seine Weise, schlüssig zu werden. Als dann viele Jahre später das unerwartete, brüske Ende eintrat, das uns alle einzuholen pflegt, der Tod Dietmar Kampers, suchte ich die Gespräche, die er einst dokumentiert hatte, wieder hervor. Wir hatten sie niemals einem Verleger anvertraut, wir hatten sie vergessen. Auch dem Insel Verlag haben sie meines Wissens niemals in einer druckreifen Fassung vorgelegen, – die erst Bernd Ternes angefertigt hat mit bewundernswerter Akribie.

Während ich dies notiere, sitze ich in demselben alten Haus, in dem Dietmar Kamper viele Jahre ein und ausging und in dem er folglich gegenwärtig blieb wie das Kommen und Gehen der Erinnerungen, die ich mit ihm – und die ihn mit mir – verbinden. Außer einem weiteren engeren Freund, einem Weinbauern, der aus dem kleinen Weiler stammt, in dem ich lebe – und den Dietmar gut gekannt und geschätzt hat – ist dies der zweite Tote, der dieses Haus nicht mehr ganz verlässt, der es gespenstisch-freundschaftlich bewohnt, vielleicht weil seine Leere ohne diese Freunde etwas schwerer zu ertragen wäre.

Ich erinnere mich gut an viele Einzelheiten, aber nicht an „das Ganze“ – das freilich ohnehin nur in der Vorstellung, nicht in Wirklichkeit besteht – so zum Beispiel an die sorgfältige Vorbereitung jedes einzelnen Gesprächs und Gesprächsthemas durch Dietmar, denen ich mich daher meist nur zu „überlassen“ brauchte. Kampers „systematische Unermüdlichkeit“, wie ich sie einmal nennen möchte, vertrug sich gut mit meiner mich gelegentlich wie eine Last überfallenden Müdigkeit und Trägheit, zumal die Gespräche im allgemeinen abends, nach einer ausführlichen Mahlzeit, die von Dietmar vorbereitet worden war, stattzufinden pflegten. Ich fühlte mich dann nach einer Weile regelmäßig von ihm „angesteckt“, die starke Ausstrahlung, die ihm eigentümlich war, übertrug sich, und es entwickelte sich die spezifische Abendatmosphäre, die stark mit der Morgenatmosphäre kontrastierte, wenn wir uns zum Frühstück zusammenfanden, das ich vorzubereiten hatte und das manchmal erst gegen Mittag endete, weil die Gespräche dann locker und vertraulich waren, gespickt übrigens häufig mit Erzählungen Dietmars über seine Nachtträume, die manchmal fast buchstäblich die (B)innenwelt seiner Tagesexistenz abzubilden schienen, einen Spiegel der starken und paradoxen Widersprüche bildend, aus denen das Leben besteht, und zumal das seine und das meine.

Nichts bedauere ich schmerzlicher, als diese Träume nicht aufgezeichnet zu haben: er hätte es mir sicher erlaubt. Vielleicht lassen sie sich eines Tages in seinem Nachlaß wiederauffinden, sie sind der Aufbewahrung würdig. Ich erinnere mich nicht, je einem Träumer begegnet zu sein, dessen Nachtphantasien eine oft spiegelgenaue Ergänzung zu einem Lebenswerk gebildet hat, das der strapaziösen „Arbeit des Begriffs“ und des Bewusstseins gewidmet war.

Wolfgang Kaempfer, am 27. August 2003

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